Fallender Ölpreis – die Folgen für die Märkte Coba
22. August 2008, 10:07
Der Ölpreis ist dramatisch gefallen und hat seinen Boden wohl noch nicht endgültig
gefunden. Wir zeigen, was das für die Wirtschaft und die Märkte bedeutet.
1. Inflation: Der Ölpreis ist in den vergangenen Wochen von knapp 150 Dollar auf
110 Dollar gefallen. Das wird die Inflation in den USA und im Euroraum in den kommenden
Monaten drastisch senken. In den USA sollte die Teuerung bis zum Jahresende
von zuletzt 5,6% auf rund 4% zurückgehen, im Euroraum von 4,0% auf rund 2,5%.
2. Konjunktur: Für sich genommen stärkt eine fallende Inflation die Kaufkraft der Konsumenten,
eigentlich müssten wir unsere Konjunkturprognose etwas erhöhen. Aber die
niedrigere Energierechnung wird dadurch kompensiert, dass sich andere Faktoren
schlechter entwickelt haben als unterstellt. So ist die Arbeitslosenquote in den USA
stärker gestiegen als erwartet. Im Euroraum sind die Stimmungsindikatoren so eingebrochen,
dass selbst unsere im Vergleich zum Konsens vorsichtige Wachstumsprognose
für 2009 (0,7%) Abwärtsrisiken aufweist.
3. Zentralbanken: Die Fed konzentriert sich auf die Kerninflation, die die Energiepreise
ausklammert. Wir fühlen uns wohl mit unserer bisherigen Prognose, dass die Fed den
Zinserhöhungsprozess erst im Frühjahr nächsten Jahres einleitet, wenn der Anstieg der
Arbeitslosigkeit zum Stillstand gekommen sein dürfte. Anders als die Fed konzentriert
sich die EZB auf die Gesamtinflationsrate. Unsere Rohstoffanalysten um Eugen Weinberg
haben den Anstieg und auch den Fall des Ölpreises von der Richtung her korrekt
vorhergesehen. Allerdings ist er schneller gefallen als wir es bisher unterstellt hatten;
wir haben deshalb unsere Inflationsprognose für 2009 von 2,7 auf 2,3% gesenkt. Entsprechend
haben wir die erste EZB-Zinssenkung etwas nach vorne verlegt, und
zwar vom dritten in das zweite Quartal. Diese Prognose impliziert nach wie vor, dass
die EZB sich zieren wird, auf das einbrechende Wirtschaftswachstum zu reagieren.
Schließlich sind die aus Inflationsswaps abgeleiteten langfristigen Inflationserwartungen
für die Jahre 2013 bis 2018 nach oben ausgebrochen, zuletzt lagen sie immer noch bei
unakzeptablen 2,7%.
4. Staatsanleihen: Einbrechendes Wirtschaftswachstum, fallende Inflation, die Aussicht
auf niedrigere EZB-Leitzinsen - die Rahmenbedingungen für den Euro-
Staatsanleihenmarkt sind gut. Die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen mag noch etwas
fallen und in den kommenden Monaten um 4% schwanken. Und selbst wenn die
Fed im Frühjahr nächsten Jahres die Leitzinsen anheben und die Renditen amerikanischer
Staatsanleihen deutlich steigen sollten, wäre das lange Ende des Euro-
Staatsanleihenmarktes davon weniger betroffen. Stattdessen dürfte die Kurve zwischen
zwei und zehn Jahren vor allem 2009 deutlich steiler werden.
5. Euro: Der nächste Zinsschritt der Fed weist nach oben, der der EZB nach unten. Der in
Zukunft schrumpfende Zinsvorteil des EUR gegenüber dem USD war stets unser
Hauptargument, warum EUR-USD tendenziell fallen sollte. Weil der Ölpreis stärker als
erwartet gesunken ist und wir die erste EZB-Zinssenkung nun etwas früher erwarten,
haben wir auch unsere langfristige EUR-USD-Prognose nach unter adjustiert (auf Jahressicht
von 1,46 auf 1,39). In ein, zwei Monaten sollten sich die Märkte allerdings an
die schlechten Nachrichten von der Euro-Konjunktur gewöhnt haben und gleichzeitig
den nach wie vor zunehmenden US-Problemen mehr Aufmerksamkeit schenken. Dann
könnte sich der Euro, der im Vergleich zu den Fundamentaldaten extrem abgewertet
hat, vorübergehend bis auf 1,50 USD erholen.
6. Aktien: Die Analysten erwarten, dass die 30 im Dax notierten Unternehmen ihre Gewinne
2009 um 20% steigern werden. Aber mehr als eine Stagnation wird das schwierige
wirtschaftliche Umfeld trotz des zuletzt gesunkenen Ölpreises wohl nicht zulassen.
Die Analysten werden ihre Gewinnschätzungen also weiter senken, die Aktienmärkte
dürften ihr Tief noch nicht erreicht haben. Die etwas frühere EZB-Zinssenkung steigert
allerdings die Chance, dass die günstig bewerteten Aktienmärkte die fallenden Gewinnrevisionen
auf die längere Sicht in einem Seitwärtskanal verarbeiten - ähnlich wie im
Rezessionsjahr 1993.
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