Deutschland: Umfangreiches Maßnahmenpaket Coba
13. Oktober 2008, 16:07
Das heute Nachmittag von der Bundesregierung vorgestellte Maßnahmenpaket
für das Finanzsystem lehnt sich wie erwartet eng an die gestern
beim Gipfel der Euro-Länder vereinbarten Aktionspunkte an: Ein
staatlicher Fonds soll Banken bei Bedarf Eigenkapital zur Verfügung
stellen und große Teile ihrer Verbindlichkeiten garantieren. Zudem sollen
die Bilanzierungsregeln modifiziert werden. Außerdem will die
Bundesregierung die Einlagensicherung ausweiten und die Finanzmarktaufsicht
reformieren. Die nun sich abzeichnenden staatlichen
Eingriffe sollten helfen, das Vertrauen an den Finanzmärkten wieder
herzustellen.
Kernpunkt des Programms, das bereits Freitag in Kraft treten soll, ist die
Gründung eines „Finanzmarktstabilisierungsfonds“, der durch die Begebung
von Schuldverschreibungen mit max. 100 Mrd Euro ausgestattet werden soll
(Finanzierung durch Bund und Länder im Verhältnis 65:35). Dieser soll von
der Bundesbank verwaltet werden. Zielgruppe für die Maßnahmen sind deutsche Finanzinstitute sowie deutsche
Tochtergesellschaften ausländischer Insititute. Grundsätzlich sollen nur solvente
Institute Zugang zu den Mitteln haben. Der Staat will aber aber auch
insolventen Finanzinstituten helfen, wenn ihr Ausfall das Finanzsystem bedrohen
würde und bei ihnen eine Restrukturierungsperspektive besteht.
Die nun in die Wege geleiteten Maßnahmen sind in der Regel entsprechend
der Absprache mit den anderen Euro-Ländern bis Ende 2009 befristet: 1. Der Fonds kann gegen eine „angemessene“ Gebühr Garantien für neu
begebene Refinanzierungsinstrumente von bis zu 36 Monaten Laufzeit
abgeben. Die Obergrenze für diese Garantien soll bei 400 Mrd Euro liegen.
Außerdem wird bekräftigt die Bundesregierung die bereits vor einer
Woche ausgesprochene Garantie für alle Spareinlagen. Weitere Maßnahmen in diesem Bereich können/sollen folgen. So sollen
bei Bedarf auch Maßnahmen zur Gewährleistung der Pfandbriefe (hier
auch des Bestandes) ergriffen werden. Die angekündigten Vorschläge
zur Verbesserung der auf EU-Recht basierenden gesetzlichen Einlagensicherung
werden wahrscheinlich an der tatsächlichen Lage in Deutschland
nichts Grundlegendes ändern, da hier die freiwilligen Vorkehrungen
bereits über das gesetzliche Geforderte hinausgehen.
2. Der Fonds kann Banken (je nach Rechtsform in unterschiedlichen Formen)
bis zu 80 Mrd Euro als Eigenkapital zur Verfügung stellen. Allerdings
wird der Staat dann die Unternehmenspolitik beeinflussen, und
zwar von der Vergütungsstruktur der Unternehmensführung über die Dividendenpolitik
bis zur allgemeinen Geschäftsausrichtung. Der Fonds hat
zur Entlastung der Kapitalbasis auch die Möglichkeit zum Aufkauf oder
zur Endfälligkeitsabsicherung von Problemaktiva.
3. Die Bundesregierung will auf internationaler Ebene eine Änderung der
Bilanzierungsvorschriften erreichen (möglichst noch für die Abschlüsse
für das 3. Quartal). Die geplanten Änderungen laufen auf eine Aufweichung
der Pflicht hinaus, Wertpapiere zu Marktpreisen zu bilanzieren,
und stattdessen andere Bewertungsmethoden anwenden zu können. 4. Die Bundesbank soll-z.B. über die befristete Bereitstellung von Sonderliquiditätshilfen
gegen Sicherheiten-die Liquidität von nach deutschem Recht errichteten Geldmarktfonds
und geldmarktnahe Fonds sicherstellen. 5. Die Bundesregierung will noch in diesem Jahr Änderungen der Finanzmarktaufsichtsgesetze
vorlegen. Zielrichtung dabei ist sowohl eine engere Verzahnung der nationalen
Aufsichtsbehörden als auch eine Verbesserung (wohl: Intensivierung) der internationalen
Finanzaufsicht.
In den letzten Wochen hat das Misstrauen an den Märkten solche Ausmaße angenommen,
dass auch durch und durch gesunde Banken oder Unternehmen Schwierigkeiten haben,
Mittel aufzunehmen. In einer solchen Ausnahmesituation ist es gerade aus marktwirtschaftlicher
Sicht richtig, dass der Staat zu unorthodoxen Mitteln greift, um das für das
Wirtschaften notwendige Vertrauen wiederherzustellen. In diesem Zusammenhang ist es
wichtig, dass die Staaten ihr Handeln aufeinander abgestimmt haben und dabei die Probleme
vorausschauend angehen, anstatt wie bisher nur nur auf Schieflagen einzelner Institute
zu reagieren. Die nun geplanten Maßnahmen erinnern an das, was Schweden Anfang der 90er Jahre
getan hatte, um seine Finanzmarktkrise zu überwinden. Den Schweden war es damals
gelungen, das Vertrauen der Märkte schrittweise wieder herzustellen; am Ende hatte der
schwedische Staat sogar kein nennenswertes Minus gemacht. Auch in Japan markieretn
ähnliche Maßnahmen Ende der neunziger Jahre den Anfang vom Ende der langen Wirtschaftskrise.
Es spricht manches dafür, dass diesmal das entschiedene Vorgehen der europäischen
Staaten ebenfalls wesentlich dazu beitragen wird, dass die Märkte nach und
nach Vertrauen fassen.
Wir hatten bereits vor der jüngsten Verschärfung der Finanzmarktkrise sowohl für den
Euroraum als auch für Deutschland eine Rezession prognostiziert. Schließlich sinken in
vielen Euroländern die Häuserpreise, was den Konsum und die Bautätigkeit belastet. Außerdem
befindet sich mit den USA die größte Volkswirtschaft der Welt bereits in der Rezession,
das dämpft die Exporte des Euroraums. Auch ein schnelles Ende der Finanzmarktkrise
würde nichts daran ändern, dass die kommenden Quartale aus konjunktureller sehr
mager ausfallen werden. Allerdings sprechen die sich nun abzeichnenden Maßnahmen der europäischen Regierungen
dafür, dass es bei einer „normalen“ Rezession bleiben sollte und die Euro-Wirtschaft
nicht wie Japan in den 90er Jahren in eine langjährige Depression abgleitet.
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